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Vor kurzem habe ich bei Heather Macauley unter Voices of Awakening ein Gespräch zwischen ihr und ihrem zwanzigjährigen Sohn gehört, das mich sehr berührt hat. Heather hat ihren kleinen Sohn nach ihrer Scheidung bei seinem Vater gelassen, da sie finanziell nicht in der Lage war, ihn aufzuziehen. Obwohl sie in der gleichen Stadt wohnte, war der Kontakt sehr gering, da er vom Vater, der mittlerweile wieder verheiratet war, nicht unterstützt wurde.

Ihr Sohn, Andrew, gab ihr als kleiner Junge zu verstehen, dass ihm nicht viel an ihr lag. Dies änderte sich, als er die High School beendet hatte. Es fand eine erste Annäherung statt, und mit 19 zog Andrew zu ihr nach Hawaii. Sie sagt, dass sie zunächst wie zwei Fremde gewesen seien, aber im Laufe der Zeit begann Andrew sich mit Heathers Denkweise zu beschäftigen, hörte "The Silent language of peace" und las Bücher von Anastasia. Er lernte so eine ganz andere Denkwelt kennen, die nicht von materiellen Dingen geprägt war. Er schlug seiner Mutter vor, ein Buch über ihre Beziehung zu schreiben. Da das aber Zeit braucht, begannen sie im Juli dieses Jahres ihre erste Unterhaltung, mit der sie andere an ihren Erfahrungen teilhaben lassen.

Als ich diese Geschichte von Heather erfuhr, war ich beeindruckt. Wie schwer muss es für sie als Mutter gewesen sein, ihren Sohn nicht aufwachsen zu sehen. An einer Stelle sagt sie, dass das größte Geschenk, das sie ihm machen konnte, war, ihn nicht zu zwingen, Kontakt mit ihr zu halten. Wow! Jeder, der dies liest, weiß, wie schwer das gewesen sein muss. Ein Loslassen auf dieser Ebene - das muss man erstmal schaffen. Das heißt ja auch, sich selber völlig zurückzunehmen und darauf zu vertrauen, dass alles für das Kind so am besten ist.

Beeindruckend ist auch, dass sie ihren Exmann und seine Art einfach so stehen lässt, ohne sie abzuwerten und an der Vergangenheit zu kleben. Genau das Gegenteil erlebe ich immer wieder, wenn Paare sich trennen. Der Groll ist manchmal noch Jahrzehnte später so lebendig, als sei alles gestern gewesen. Die Kinder werden oft Teil eines Machtkampfes, der mit massiven Abwertungen einhergeht. All das hat Heather anders gemacht. Sie hat angefangen, sich mit sich auseinander-zusetzen und nach Wegen gesucht, ihren Schmerz zu erlösen und ihre Projektionen zurückzu-nehmen, und das mit einer Unbedingtheit, vor der ich den Hut ziehe.

Beim Hören des Gesprächs sind mir noch andere Dinge klar geworden. Als Elternteil ist man in der Regel immer bemüht, das Kind so zu lenken, dass es sich in einer bestimmten Weise der Gesellschaft anpaßt. Wenn die Kinder klein sind, hat man das Gefühl, jedes abweichende Verhalten des Kindes (Hyperaktivität, Aggressivität...) fällt auf einen selbst zurück.

Oft entsteht eine Form von Scham. "Ich schäme mich, weil ich anscheinend etwas nicht richtig mache, denn sonst wäre mein Kind nicht so." Diese Scham wirkt wieder auf die Beziehung zum Kind zurück. Das Kind spürt: "Mama/Papa schämen sich für mich. Also muss etwas mit mir nicht stimmen. Ich bin so, wie ich bin, nicht ok." Und das ist der Anfang von allem.

Das Gefühl der Wertlosigkeit ist das Grundthema, das allen Konflikten auch im Erwachsenenalter zu Grunde liegt. Und jetzt dürfen Sie sich fragen:

Inwieweit trägt mein Blick auf mein Kind dazu bei, dieses Gefühl der Wertlosigkeit zu fördern?

Das größte Geschenk, das Sie ihrem Kind machen können, ist, es als heranwachsendes Wesen zu betrachten, das ich sich ausprobieren will.

Aber an dieser Stelle kommen aber die eigenen Ängste ins Spiel, und ihr Ausmaß ist oft erschreckend.

  • Ich habe Angst, dass mein Kind gesellschaftlich untergeht, unter der Brücke oder als Hartz-IV-Empfänger endet.
  • Ich habe Angst, dass die Leute mich verachten, weil ich es nicht geschafft habe, meinem Kind einen anderen Weg zu weisen.
  • Um diese Ängste abzuwehren, versuche ich so viel Vorgaben zu machen für mein Kind, wie möglich. Alles geschieht aus einer besten Absicht heraus, jede Förderung, jede Maßregelung. Und trotzdem soll alles die eigene Angst kaschieren.
  • Ich bin es, die Angst hat, weil mein Kopf mir gar keine andere Vorstellung von Leben für mein Kind liefert.

Heathers Sohn Andrew weist im Gespräch mit seiner Mutter daraufhin, wie wichtig es wäre, wenn die Eltern, bevor sie Kinder bekommen, mit sich selbst im Reinen wären.
In der Regel ist natürlich genau das Gegenteil der Fall. Die Eltern sind selber noch Suchende, und das Kind, das einer solchen Beziehung entspringt, bekommt dies zu spüren. Im Suchenden der Eltern ist die Vorprogrammierung das Einzige, was ihnen Sicherheit und Maßstab verspricht, selbst dann, wenn sie die Vorprogrammierung ablehnen. Aber es gibt ja nichts anderes, denn auch sie sind "programmiert" worden von ihren Eltern, die es ebenfalls nicht anders wussten.

Wo ist der Ausweg aus diesem Kreislauf?
Was können wir tun, um unseren Kindern wirklich gerecht zu werden?

Als erstes sollten wir die Brille wechseln, mit der wir auf unsere Kinder schauen. Wählen wir eine Brille, die sie uns unschuldig, suchend und ganz zeigt.

Entscheiden wir uns zu vertrauen. "Ich vertraue dem Leben" - welche Resonanz hat denn dieser Satz in uns? Was sagt der Kopf dazu? Wie würde sich ein Leben anfühlen, das von Vertrauen geprägt wäre?

Ich vertraue darauf, dass mein Kind eine Kraft in sich trägt, die sich auch ohne mein Dazutun entfaltet.
Ich entscheide mich dazu, mehr mit dem Leben zu fließen, weil ich darauf vertraue, dass das Leben es gut mit mir und meinem Kind meint.
Ich ermutige mein Kind, der Stimme seines Herzens nachzuspüren.
Ich kann ihm klarmachen, dass es im Leben eigentlich keine Fehler gibt und dass es jedes Mal, wenn es scheinbar einen Fehler gemacht hat, beim nächsten Mal noch mehr auf die eigene Stimme hören kann.
In gewisser Weise bin ich nur Zuschauer, wenn ich mein Kind betrachtete. Als Zuschauer steht es mir nicht zu, ständig meine Sicht aufzudrängen.

Khalil Gibran sagt in seinem Gedicht: Von den Kindern

(...)Ihr dürft ihnen eure Liebe geben,
doch nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihren Körpern dürft ihr eine Wohnstatt bereiten,
doch nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus der Zukunft,
und das bleibt euch verschlossen, selbst in euren Träumen.
(...)

Aus astrologischer Sicht gibt es zu diesem neuen Umgang mit Kindern eine schöne Parallele. Pluto wechselt in diesen Monaten ins Zeichen Steinbock. Das Steinbockprinzip steht für alte Strukturen und Pluto für den radikalen, nicht aufzuhaltenden Umbruch. Diesem Umbruch können wir uns entgegen bewegen, indem wir unsere Kinder freilassen und ihnen erlauben, sich dahin zu entwickeln, wohin es sie im dritten Jahrtausend zieht.

Wenn Sie Ihrem Kind wirklich ein Geschenk machen wollen, dann schauen Sie bei sich und vergessen Sie nicht: Ihre Sicht der Dinge und der Welt ist nur eine Möglichkeit der Wahrnehmung. Gestehen Sie Ihrem Kind seine Wahrnehmung und damit die Erschaffung seiner Realität zu.

Dieser Artikel ist seit Sonntag, dem 20.Juli 2008 online, nachdem ich 2 Wochen damit schwanger gegangen bin und innerlich wusste: diesen Artikel muss ich schreiben.

2 Tage später erreicht mich folgender Gästebucheintrag von Christiane H.:

Liebe Frau Oertel,
bin über Robert Betz auf Ihre Seite gestolpert, wie ich halt immer über Dinge (Bücher ect.) stolpere, seit ich begonnen habe mein Leben zu verändern. "Kinder,Kinder" dieser Beitrag trifft mich mitten ins Herz. Danke dafür.
Genau in dieser Situation befinde ich mich. Nach einer heftigen Trennung durfte ich zunächst lernen, diese Ehe, diesen Partner und all meinen Groll auf ihn loszulassen. Prima, hat ganz gut funktioniert und ich fand mich wieder. Ich mußte nicht an der Vergangenheit kleben, habe es angenommen wie es war und ist und habe auf alle Angriffe seitens meines Ex-Partners nicht reagieren müssen. So verschaffte ich mir zunächst ein Maximum an Frieden. Da ist aber der gemeinsame Sohn(10), der nun Zielobjekt der bei mir nicht fruchtenden Manipulationsversuche wurde. Erfolgreich, denn vor 2 Monaten zog er nun zum Vater.Und nun geschieht das Unglaubliche: Ich kann ihn loslassen. Ich muss nicht zu Kontrollmechanismen und Manipulationen greifen, sondern darf ihm vermitteln, es ist OK, wenn er beim Vater leben will. Ich darf ihm meine Liebe geben und ihn bestärken, seinem Herzen zu folgen. Ich darf ihn verantwortlich handeln lassen und ich muss nicht verhindern, was als Lektionen für seinen Lebensweg vorbehalten ist.
Den Text hier heute zu lesen, hat mich motiviert, weiter zu machen. Denn auch ich komme mir im Gespräch mit anderen manchmal vor wie eine Außerirdische. Mir begegnet viel Verständnislosigkeit, wie eine Mutter so handeln kann. Schließlich sei doch klar, dass dieser Vater für das Kind nicht gut sei....usw. Und Loslassen bei einem Kind.... Aber woher wollen die das alles wissen? Ich weiß nur, dass die Erfahrungen, die ich in den letzten 2 Jahren machte, nicht immer schmerzlos oder einfach waren, aber sie waren wichtig. Mein Sohn weiß, dass ich da bin. Ich umgebe ihn mit meine guten Gedanken und meiner Liebe und vertraue darauf, dass seine höhere Macht ihn ebenso beschützt, wie ich es täglich erfahre. Schön, auf Ihrer Seite zu erfahren, dass es mehr Menschen gibt, die diesen Weg so gehen. DANKE.

Vielleicht können Sie nachempfinden, wie sehr mich diese Rückmeldung berührt hat. Zeigt sie mir doch, dass meine Intuition mich dorthin leitet, wo Verbindendes geschaffen werden will. Meine besten Wünsche gehen an Christiane. Mögen ihre Erfahrungen und ihr Umgang damit auch anderen Mut machen!

This article is also available in English on Heather Macauley's website.