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Erinnern Sie sich – schon vor ein paar Wochen stand an dieser Stelle ein Artikel, in dem es um das Gesicht und seine Verbindung zum Aszendenten im Horoskop ging. Wieder ist es Rilke, der mich inspirierte, und wieder spricht er von Gesicht: 'Werk des Gesichts ist getan', tue nun Herz-Werk an den Bildern in dir'

Denn des Anschauns, siehe, ist eine Grenze.
Und die geschaute Welt
will in der Liebe gedeihn.

Werk des Gesichts ist getan,
tue nun Herz-Werk
an den Bildern in dir, jenen gefangenen; denn du
überwältigtest sie: aber nun kennst du sie nicht.
Siehe, innerer Mann, dein inneres Mädchen,
dieses errungene aus
tausend Naturen, dieses
erst nur errungene, nie
noch geliebte Geschöpf.

Rainer Maria Rilke, 'Wendung' 20.6.1914, Paris
Gesammelte Werke, Band III (1927)

Was meint Rilke mit diesen 'Bildern in dir'?

In der Psychologie spricht man häufig von Projektionen. Das sind Anteile von uns, die wir auf eine Person oder ein Ereignis im Außen übertragen. Wir suchen die inspirierende Freundin oder den Freund, den Menschen, der uns innere Geborgenheit geben kann, denjenigen, mit dem wir Abenteuer erleben können usw. Oft meinen wir, über diese Fähigkeiten nicht zu verfügen und suchen sie deshalb in unserer Umgebung. Oder wir lehnen bestimmte Eigenschaften bei anderen vehement ab, bewerten, verurteilen sie. So machen wir uns ein Bild von dem oder der anderen mit all den wunderbaren oder schrecklichen Eigenschaften, die wir ihm oder ihr, einem bestimmten Volk, einer Religion oder politischen Gruppe zuschreiben. Finden wir hier den Nährboden für Krieg? Wollen oder können wir nicht auf uns selbst schauen?

Ist es da einfacher, z.B. auf der persönlichen Ebene zu sagen: du hast mich getäuscht, weil wir uns nicht eingestehen wollen: nein, wir haben uns getäuscht. Das Bild, das wir uns gemacht haben, hatte mehr mit uns selbst, als mit dem anderen zu tun.

Aber kennen wir dieses innere Bild?

Das Horoskop kann uns helfen, die eigenen inneren Bilder aufzuspüren.

Der Mond, zum Beispiel zeigt uns, wie die Mutter, die wir uns wünschen, sein, wie sie mit uns umgehen sollte und welche Schwierigkeiten mit ihr auftauchen können.

Das Zeichen, in dem der Mond steht, seine Häuserstellung und seine Aspekte entwerfen ein inneres Bild der Mutter, das mit unserer realen Mutter oft gar nichts zu tun hat. Oft wissen wir aber nicht um dieses innere Bild und verstehen einfach nicht, warum es zu Schwierigkeiten mit der eigenen Mutter oder bei Männern auch zu Schwierigkeiten mit Frauen kommt. (Bei Männern steht der Mond auch für einen Teil seinen Frauenbildes, seiner Anima, wie C.G:Jung sagte). Oder wir verstehen nicht, warum wir es so schwer haben, so zu leben, dass wir uns sicher und geborgen fühlen.

Manchmal lebt in uns zum Beispiel eine feurige Prinzessin ( Mond im Löwen), die um ihren Wert weiß und auch so behandelt werden möchte. Durch irgendwelche Lebensumstände geht dieses Gefühl für diese Königstochter aber verloren, genauso wie das manchmal im Märchen passiert. Da muss die Königstochter erst ihre ganze königliche Pracht ablegen, Jahre im Wald bei einer alten Hexe( dunklen Mutter) verbringen, bevor sie ihren Platz wieder einnehmen kann und sich dann dessen auch bewusst ist.

Oder nehmen wir die Venus, die ebenfalls einen Teil dieses inneren Frauenbildes anzeigt, bei Frauen wie bei Männern. Wer lebt da in dir?

Ist es eine naturverbundene, zuverlässige Frau, eine unabhängige, kämpferische Amazone, ein eher mediales, nicht greifbares Wesen, das dich Dinge eher ahnen als wissen lässt.

Solange wir diese Wesen in uns nicht kennen, werden wir nicht verstehen. Und doch hat das Anschauen eine Grenze, wie Rilke sagt.

Nein, wir sollen 'Herzwerk' an diesen Bildern tun, die Wesen, die da in uns leben, lieben lernen.

Siehe, innerer Mann, dein inneres Mädchen,
dieses errungene aus
tausend Naturen, dieses
erst nur errungene, nie
noch geliebte Geschöpf.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Ja, und wer lebt in mir?
Wenn Sie Lust haben, nehmen Sie Kontakt zu mir auf, und wir versuchen gemeinsam, Licht auf Ihre innere Welt zu werfen.
Wenn Sie das Thema 'Projektionen’ interessiert’, lesen Sie hier Gedanken von Max Frisch und Hannelore Traugott.
Das ganze Gedicht von Rilke finden Sie hier.