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Zur Beginenbewegung aus: Sabine Bauer -Vortrag: "Der Minne Lied, Zum Selbstverständnis der Mystikerinnen im Mittelalter"

"Eine der tragenden Frauengruppen waren die Beginen und andere Schwestern des dritten Ordens und einzelne Mystikerinnen, die sich zunächst keiner Ordensgemein-schaft recht unterstellen wollten. Sie alle suchten nach eigenwilligen Wegen, da sie sich nicht von vornherein in tradierte Klosterstrukturen einordnen wollten - und auch weil es keine Zugehörigkeit gab, die ihnen entsprach.

Diese Gedanken und die neue Art zu leben, übte eine große Anziehungskraft aus, verbreitete sich rasch und fand großen Zulauf. Frauen, die primär spirituell und intellektuell interessiert waren, bot sich die Möglichkeit aus den traditionell verbürgten Verbänden auszusteigen und sich mit Gleichgesinnten zusammen zu schließen. Vielen wurde es zum Ziel, ein Leben außerhalb der etablierten Klosterordnung führen zu können, für sich neue Weisen des spirituellen Selbstausdrucks zu finden und in einem Gemeinschaftsleben zu teilen. Eine große Zahl bildeten dabei die Beginen (Beguinae), dieses Wort bedeutete auch in Ehelosigkeit lebende Frauen. Ihr starkes Aufkommen im 13. Jahrhundert in Belgien, ihre Verbreitung in Deutschland ließ rasch Handlungsbedarf aufkommen und gab den restriktiven Beschlüssen seitens der Kirche freie Hand. Zur Verdeutlichung: Es gab 1223 in Köln 22 Beginenhöfe mit ca. 2000 Beginen. Vielen Zünften galten die in Gemeinschaft lebenden und arbeitenden Frauen als eine starke wirtschaftliche Konkurrenz.

Das Beginenwesen entwickelte sich zu eine sehr charakteristische Form weiblichen Gemeinschaftslebens im Mittelalter und der Frührenaissance.

"Erstaunlich viele weibliche Heilige im 13. und 14. Jahrhundert waren, auch wenn sie später von verschiedenen Orden als Prämonstratenserinnen, Zisterzienserinnen oder Franziskanerinnen vereinnahmt worden sind, nicht wirklich eng mit ihrem Ordenshaus verbunden und hatten keinen klaren Status."

Dieser unklare Status beschreibt auch das Problem einer Nicht-(mehr)-Zugehörigkeit innerhalb einer Kultur, die Frauen als Wissende ausgeschlossen hatte. Die Bewegung der mulieres religiosae ist auch die Geschichte einer Bewußtwerdung der Frauen darüber, daß sie sich innerhalb der patriarchalen Kultur als nicht zugehörig empfanden und daher in Anlehnung an frühere frauenbezogene Kulturen sich nomadisch verhielten. Dieses nomadische Bewußtsein im Sinne einer Nichtzugehörigkeit zu einem bestimmten Ort, der Identität verbürgen sollte, öffnete neue Impulse für die abendländische Kultur in einer Zeit, in der die kirchliche Organisation als Instanz der Heilsvermittlung in Frage gestellt wurde. Viele Frauen sahen sich aufgefordert, einen neuen spirituellen Lebenspfad einzuschlagen, der jenseits des Mutterklischees (Frau als gute Reproduzentin) Erfahrungen ermöglichte.

Sie sahen sich als Berufene und Prophetinnen im Feld der Imagination, wovon die Fülle der Visionsliteratur zeugt. Sie tradierten ihr Wissen in Viten und wirkten damit bewußsteinsbildend für andere Frauen.