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Auf den Spuren meines Urgroßvaters Walther Fiedler

Ich habe Venus am Punkt der Himmelstiefe (IC) in meinem Horoskop. Diese Konstellation zeigt oft an, dass man etwas aus der Tradition der eigenen Vorfahren fortsetzen möchte.

Alles begann da mit, dass ich wissen wollte, woher meine lyrische Ader, meine Faszination für Bücher in einer Familie, die eher pragmatisch veranlagt ist, kommen könnte.

So fielen mir 3 Bändchen aus der Damastbändchen Bibliothek meines Urgroßvaters, Walther Fiedler, in die Hände, die in einer Ecke im Bücherschrank meines Vaters standen. Neugierig geworden wandte ich mich an den Börsenverein des Deutschen Buchhandels, an das Sächsische Staatsarchiv sowie an das Schiller-Nationalmuseum. Nach und nach wurde ich fündig. Ein Besuch in Frankfurt beim Börsenverein rundete das Ganze ab, Photos – mehr als 80 Jahre alt – versetzten mich in eine Welt zurück, Gespräche mit einer älteren Tante relativierten anfängliche Euphorien, was die Wurzeln betraf. Viel muß Spekulation bleiben, denn Tote können nicht reden.

Geboren wurde Walther Fiedler am 7. Juli 1860 in Bromberg, dem heutigen Polen. Sein Vater war gebürtig aus Bromberg, seine Mutter aus Friedeberg. Sie entstammte einer junkerschen Familie. Die Fiedlers kamen ursprünglich aus Thorn. Der älteste uns bekannte Fiedler, Mattias Fidler, war Anfang des 18. Jahrhunderts Müller im Thorner Gebiet. Doch zurück zu Walther Fiedler.

In Dessau besuchte er das Gymnasium, brach danach sein Studium in Leipzig ab und ging ein Jahr in den Buchhandel. Mit wessen finanzieller Unterstützung wissen wir nicht, aber wir wissen, dass er eine gut florierende Buchhandlung in Zittau aufbaute. Er wollte selbstständig sein, heißt es in seinem Nachruf.

Mit der Übernahme einer Verlagsbuchhandlung in Leipzig vergrößerten sich die sozialen Kontakte. Schon eine Patin des erst-geborenen Sohnes Aribert war Engländerin gewesen, aber die Kreise sollten sich noch vielmehr weiten.


Die Zeiten waren Zeiten des Umbruchs. Der alte Kaiser war tot, Bismarck hatte abdanken müssen, gegen schlechte Arbeitsbedingungen revoltierende Arbeiter schufen Unruhe. Walther Fiedler machte das Angst. Er wollte das Alte bewahren, und er wollte nicht tatenlos zusehen, wie alle Werte verschwanden. Er gründete einen litterarischen Verein, der - genauso wie die von ihm herausgegebenen Klassiker die 'gute alte Zeit' auch literarisch bewahren wollte. Illustration von Klassikern forderte ein hohes Maß an innerem Mitschwingen mit diesen Werken. Da konnte nicht einfach gemalt werden. Und so kam Walther Fiedler immer mehr in Kontakt mit Künstlern, die dies konnten. Es muß eine schöne Zeit für ihn gewesen sein, denn seine musische Seite konnte bei der Herausgabe dieser schönen Bändchen aufblühen. Seine Damastbändchen-Bibliothek wurde 1893 sogar auf der Welt-Ausstellung in Chicago prämiert.

'Minerva‘ - Synonym für die große griechische Göttin Athene - sie machte er zur Schutzpatronin bei der Herausgabe von Klassikern. Athene war eine Göttin des Geistes. In ihrem Sinne sollte sein Schaffen sein, ihr und den drei Musen, Thalia, Euterpe und Melopomene, fühlte er sich verbunden.

Minerva

Bedingt durch seine Arbeit reiste er viel und knüpfte Kontakte in England und Amerika. Wir dürfen annehmen, dass sein Geschäft florierte. Er interessierte sich auch für die Angelegenheiten der deutschen Schriftsteller. Sein Buch 'Litterarisches Leipzig‘ steht heute noch in Frankfurt beim Börsenverein. Er nahm sich auch der Publikationen des Buchhandels an, knüpfte Kontakte ins Ausland, nach England und Amerika. Er war ein angesehener Bürger Leipzigs.

Doch er blieb nicht auf dem Gebiet der Musen, sondern begann sich auf ein Feld zu wagen, dass nicht seins war. Sein groß angelegtes Werk 'Fürst Bismarck nach seiner Entlassung‘ sollte ihm einen Namen machen, sollte seinen Glanz noch erhöhen, doch er kannte die Spielregeln der Herrschenden nicht. Naiv, würden wir heute sagen, kritisierte er den Hofschreiber Bismarcks und machte sich so Feinde, die ihn in die Knie zwingen wollten. Es kam zu einem Verfahren wegen Verleumdung und Beleidigung. Niemand außer dem Ankläger, Horst Kohl, hatte das Recht, Bismarcks Worte und Gedanken zu veröffentlichen. Gegen diese Spielregel hatte er verstoßen. Er mußte Sühne leisten, vor aller Welt ( im Leipziger Tageblatt und im Organ des Deutschen Buchhandels) öffentlich Abbitte tun. Da war er 41 Jahre alt ,und wir dürfen annehmen, dass für ihn eine Welt zusammenbrach, zumal die Prozesse ihm den Konkurs seiner Verlagsbuchhandlung sowie seiner geliebten Literaturwerke 'Minerva‘ eingebracht hatten.

Wer half ihm in dieser Zeit? Wer stand ihm zur Seite? Wir wissen, dass er in einer Verbindung war, in der Kameradschaft groß geschrieben wurde. Wir wissen auch, dass er nicht aufgab, weiter Bücher herausgab, sich mit den Themen seiner Zeit befasste: Journalismus, Prostitution und nicht zuletzt der Weite des Weltraums.

Es war keine Zeit, Vergangenem nachzutrauern. Finanziell zwar immer abgesichert, war ihm ein Traum zersprungen, aber der 1. Weltkrieg, die Angst um seine Söhne im Krieg, die ganze unruhige, belastende Zeit zeigte ihm vielleicht auch, dass für die Göttin Athene und die Musen jetzt kein Platz war. Als er dann in der großen Inflation 1921/22 noch viel Geld verlor, wurde sein Lebensmut geringer. Bis zu seinem Tode 1926 hat er mit Prokura im Kunstverlag von Otto Zehrfeld gearbeitet. Er hat nie aufgegeben. Das ist vielleicht das Wichtigste, was er uns heute zeigen kann.

Von ihm ist wenig geblieben. Einige Bücher habe ich wiederbeschaffen können. Geblieben ist in mir, die Lust an den Musen und den ungewöhnlichen Ideen, in meiner Familie dieses Stehaufmännchen, das sich nicht unterkriegen lässt und die Lust, sich an schönen Dingen zu erfreuen.

Eine Liste meiner Vorfahren väterlicherseits finden Sie im Stammbaum.